Seit drei Jahren unternehme ich jeden Morgen eine Reise in meine Kindheit. Als es noch eine existenzielle Entscheidung war, ob man mit einem Füller von Pelikan (blau) oder Geha (grün) schreiben lernte. Als jeden Freitagabend “Der Kommissar” im ZDF lief. In Schwarz-weiß. Und am Donnerstag Wim Thoelke mit Wum und Wendelin.
Denn jeden Morgen gehe ich an einem kleinen Laden vorbei. Er liegt, wie es sich für einen Schreibwarenladen gehört, an der Straßenecke gegenüber einer Schule. Seit den frühen 70er-Jahren. Unverändert. Wie aus der Zeit gefallen. Jeden Tag begrüßte mich vor der Tür ein Aufsteller mit der aktuellen Schlagzeile des Tages. Aber jetzt ist Schluss damit.
Nach fast 50 Jahren schließt ein Geschäft
Nachbarn erzählen, die Ladeninhaberin fühle sich nicht mehr gesund genug, um einen Laden zu führen. Das Wort Alzheimer macht die Runde. Seit Anfang Juli baut sie ihre Verkaufsregale ab, sortiert die übrig gebliebenen Waren. Ablagekörbchen aus Plastik stapeln sich, leere Aktenordner und Klarsichthüllen liegen auf den Fensterbänken. An der Tür klebt ein Schild: “Ab 30. Juni 2020 ist der Laden wegen Geschäftsaufgabe geschlossen.” Nach fast 50 Jahren.
Vor ein paar Tagen regnete es heftig. Die Ladeninhaberin winkte mich hinein. Sie sagte, sie hätte noch irgendwo ein Einhorn für meine kleine Tochter und begann zu suchen. Draußen goss es in Strömen. Drinnen roch es nach Abschied und Staub. Sie konnte das Einhorn nicht finden. Leises Kopfschütteln über sich selbst. Dafür hatte sie irgendwo im Gewühl der Geschäftsauflösung einen Zauberstab aufgetrieben, den sie uns schließlich übergab.
Keine Trauer zum Abschied
Bald soll ein Büro in ihren Laden einziehen, erzählte sie. Rechtsanwälte. Oder Steuerberater. Jedenfalls kein neues Geschäft. Wo sollen die Schüler jetzt in der Pause ihre Süßigkeiten einkaufen? Kein Wort der Trauer kam über die Lippen der Ladenbesitzerin. Keine erkennbare Melancholie, kein Zittern in der Stimme.
Nach fast 50 Jahren nimmt sie Abschied, packt ihre Sachen zusammen, übergibt ihr altes Leben besenrein. Nicht wegen der Pandemie oder anderer wirtschaftlicher Widrigkeiten. Sie macht Schluss. Aus eigenem Antrieb. Weil es zu Ende ist. Und weil jetzt etwas anderes beginnt.